Mittagsposition: 53° 34.36 N, 009° 40.71 E, Etmal: 105,2 sm. (Und das, obwohl 3,5 Stunden "fehlen"....
Aktueller Standort mit dem zurückgelegten „Pfad“.
Die letzten Stunden des gestrigen Tages enden glücklich! Und: Glück muss man haben, um quasi schadfrei so eine Atlantikquerung zu machen! Doch der Reihe nach:
Ein letztes Brot – für Bettina: Besenbrot – war fertig, der Ofen klingelt. Gleichzeitig fängt das Telefon an zu klingeln. Und dann noch ein Piepen dazu! Dankenswerter Weise realisiere ich sofort, dass das ein Alarm des Autopiloten ist, dass er den Kurs nicht halten kann. Und da die Elbe ein stark befahrenes, doch recht enges Fahrwasser ist, habe ich RE so ganz knapp außerhalb des Tonnenstrichs (Fahrwassers) gehalten. Und klar: RE schießt ins Fahrwasser – im Bild weiß! Ich lasse das Brot fallen und sage dem klingelnden Telefon „jetzt nicht“. Flitze in den Steuerstand. Und sehe dabei die grüne Tonne – na klar: 13! wenige Meter querab. In so einer Situation wird nicht mehr gesegelt, sondern sofort der Motor angeworfen und Vollgas gegeben. Ohne zu checken, ob die Seewasser-Kühlung läuft. (Erstens läuft sie immer und zweitens ist ein Motorschaden einfacher, billiger und sicherer als ein Crash mit einer Elbtonne. Denn – die ist stärker! Sicher! )
Und auch klar: Der verbleibende Ebbstrom setzt RE mit 2 kn auf die Tonne zu. Was mir in der Situation wie ein Meter vorbei geschrammt (also – ohne Schramme!) vorkommt, erweist sich in ruhigerer Betrachtung hinterher als min. 10, eher 20 Meter Abstand. RE dreht brav auf ihren Kurs ein, der Autopilot übernimmt und ich stehe backbord achtern und schaue, dass die 13 sich langsam verzieht.
Gut: Es ist gut gegangen. Schlecht: Ich kann nicht sagen, warum das passiert ist. Hinterher entwickeln wir die Theorie, dass da was sehr magnetisches gelegen hat und damit den Autopiloten aus der Bahn geworfen hat. Das kennen wir so von den Kanalfahrten. Unter mancher Brücke wollte RE da auch in die Böschung. Nur – im Kanal steht immer einer im Steuerstand. Da geht es um Sekunden – und das weiß man auch.
Ralf:
Um 2 Uhr bin ich wach. Ein Motor hilft den Segeln durch die erneute Flaute. Ich stehe auf und löse Chrischan ab, der schon ein paar anstrengende Stunden auf Wache verbracht hat. Die Lichter von Cuxhaven sind achteraus noch sichtbar.
Das Fahrwasser Elbe bedeutet: Strömung, Tonnen (auch unbeleuchtete), Flachstellen, Sandbänke, andere Schiffe, die überholen, entgegenkommen oder kreuzen, und im Dunkeln eine verwirrende Vielzahl von Lichtern. Es leuchtet, blitzt und blinkt; grün, rot, weiß, alles durcheinander. Zwischen den anderen Fahrzeugen, Fahrwassertonnen, Untiefentonnen, Deckpeilungen, Buhnen und hell erleuchteten Hafenanlagen müssen wir uns zurechtfinden.
Seit Cuxhaven schiebt die Flut. Um halb Acht kommt Chrischan wieder hoch und wir bereiten das Einlaufen vor. Fender, Leinen, Bootshaken werden bereit gelegt, alles was wir nicht mehr brauchen wird abgeschlagen. Um 08:30 Uhr sind wir im Yachthafen von Wedel fest. Von Cape Charles, Virginia, USA nach Wedel in Schleswig- Holstein, Non-Stopp in 34,5 Tagen (mit eingerechneter Zeitumstellung) und 4511 zurückgelegten Seemeilen.
Obwohl es noch früh am Tag ist, machen wir einen Sekt auf, um auf die erfolgreiche Reise anzustoßen, bevor wir uns an das Reinschiff und Aufräumen der RE machen. Fünf Wochen im Dauereinsatz haben doch Spuren hinterlassen. Zum Glück hat ein heftiger Regenguss letzte Nacht schon viel Salz abgewaschen.
Wir fangen an die Doppelfock abzuschlagen. Runterziehen, Ausbreiten, Falten, Rollen, in den Lagersäcken verstauen, gar nicht so einfach mit dem dicken, störrischen Material. Aber sie passen dann in die Vorpiek. Dann noch den ParaSailor obendrauf und der kleine Raum ist voll. Wir sind fertig und kurz darauf regnet es. Glück gehabt, alles trocken verstaut. Damit ist schon mal ein wichtiges Stück Arbeit erledigt.
Am Abend gehen wir zu Fuß zum Wedeler PorterHouse und gönnen uns ein großes Steak mit Bratkartoffeln und Pfifferlingen, dazu ein Alsterwasser. Unsere Beine sind nach fast fünf Wochen das Gehen an Land nicht mehr gewohnt. Zurück an Bord gibt es noch einen RE Spezial (Rum, O-Saft, Grenadine). Danach fallen wir völlig fertig in die Koje.
Anmerkung Chrischan: nicht fertig, glücklich!!
Zu den Bildern:
Das Nachtbild ist die Kugelbake Cuxhaven: Im Logbuch steht: 00.48 Kugelbake passiert: RE ist nun versicherungstechnisch in EU-Binnengewässer!
Und für das Bild „RE im Wedeler Hafen“ großen Dank an Marc! Ich wär nie drauf gekommen, nach Elbe-WebCams zu suchen….